Hünengrab auf einer Wiese
Photgrammetrie
16. März 2018

Aktuelle Herausforderungen der Denkmalpflege

Die Denkmalpflege in Deutschland steht seit Jahren vor neuen Herausforderungen.



Die aktuellen Herausforderungen der Denkmalpflege

Vor kurzem hat Raimund Karl auf seinem Blog einen umfangreichen Artikel verfasst, der sich der Krise der archäologischen Denkmalpflege widmet. Seine These ist die Dauerkrise der Denkmalpflegeämter in Deutschland, die er mit stichhaltigen Argumenten unterlegt. Ich möchte mich in diesem Artikel ebenfalls den Denkmalämtern widmen, die aus meiner Sicht vor einer Vielzahl von Aufgaben stehen, die in dieser Form neu sind. Ich möchte in der Krise jedoch auch immer die Chancen sehen, denn diese sind bei den aktuellen Herausforderungen für die Denkmalpflege beträchtlich.

Die Personalsituation

Eines der größten Probleme besteht in der dauerhaft angespannten Personalsituation. Seit Beginn der 1990er Jahre wird in allen öffentlichen Bereichen systematisch Stellen gekürzt und ganze Aufgabenbereich in die freie Wirtschaft übergeben, Gerade viele Denkmalpflegeämter wurden in diesem bis heute anhaltenden Prozess geradezu ausgeblutet. Gleichzeitig haben jedoch die Aufgaben stetig zugenommen, so dass die Arbeitslast in vielen Behörden fast nicht mehr zu bewältigen ist.

Die archäologische Denkmalpflege - Das Verursacherprinzip

Das Verursacherprinzip wurde in den archäologischen Denkmalämtern seit Beginn der 1990er Jahre eingeführt und ist heute in allen Bundesländern gesetzlich verankert. Mit diesem Rechtprinzip wird privaten Bauträgern die Kostenübernahme für anfallende Ausgrabungen im Vorfeld von Baumaßnahmen anlastet, so dass in den letzten 20 Jahren die Zahlen der durchgeführten Ausgrabungen massiv angestiegen sind. Laut der Studie Discovering Archaeologist in Europe setzt die Branche der privatwirtschaftlichen Archäologie europaweit jährlich mehr als eine Milliarde Euro um. Diese Zahl dürfte mittlerweile deutlichen nach oben zu korrigieren sein. Dabei geht mit der Zunahme der Ausgrabungen nicht im selben Maße ein Erkenntnisgewinn einher. Denn erst einmal ausgegraben, fehlen den Behörden vielfach die Mittel für die nötigen Nacharbeiten, wie Konservierung, wissenschaftlicher Bearbeitung, Publikation oder gar musealer Präsentation.
Putzen eines archäologischen Planums.
Bei verursacherindizierten Ausgrabungen wird häufig nur Bergung und Dokumentation finanziert. Die wissenschaftiche Auswertung ist in den meisten Bundesländern nicht Teil der Kostentragungspflicht.

Unterschutzstellungen nach Ipsa Lege

Ähnlich stellt sich die Situation in der Baudenkmalpflege dar. Der fast in allen Bundesländer vollzogene Wechsel vom konstituierenden zu deklaratorischen Prinzip von Unterschutzstellungmaßnahmen führt zu einem enorm erhöhten Arbeitsaufwand. Nicht nur müssen zahlreiche Denkmale neu aufgenommen, beschrieben und in die Denkmallisten aufgenommen werden, sondern es steht gleichzeitig auch die Revision des gesamten alten Denkmalbestandes an. Dabei stellte sich in vielen Bundesländern heraus, dass teilweise mehr als die Hälfte der Baudenkmale in den letzten fünfzig Jahren verschwunden sind.

Die Denkmalpfleg in der Raumplanung

Für Boden- wie Kulturdenkmalpflege gleichermaßen gilt, dass beide zunehmend an Raumplanungsprozessen beteiligt werden. Hier ist vor allem an die Herausforderungen der Energiewende zu denken. Die neu zu planenden Trassen mit freien und unterirdisch verlegten Leitungen betreffen sowohl die Bau- als auch die Bodendenkmalpflege gleichermaßen. Der Ausbau der Windenergie wirkt sich auf die Gestaltung ganzer Landschaften aus und veranlasst z.T. großräumige Untersuchung zu den Auswirkungen auf das kulturelle Erbe.
In dieser Folge findet sich die Denkmalpflege vermehrt in einem Interessengemenge wieder, in dem öffentliche Träger, private Investoren, Verbände und die Öffentlichkeit um die Durchsetzung ihrer speziellen Belange ringen.
Grabhügel der Bronzezeit
Windkraftanlagen wirken sich aufgrund der Höhe von miittlerweile mehr als 200 m massiv auf die Kulturlandschaft aus. Hier werden nicht selten umfangreiche Einzelfalluntersuchungen notwendig.

Öffentliche Beteiligung der Bürger

Gleichzeitig zeichnet sich innerhalb der Bevölkerung ein verstärkt aufkeimendes Interesse am kulturellen Erbe ab, sei es in Form von Vereinen, die um den Erhalt einzelner Denkmalen kämpfen, wie z.B. im Fall der City-Höfe in Hamburg, sei es der neue Trend zum Historismus, der sich im Wiederaufbau von historischen Gebäuden, wie in Braunschweig oder Berlin oder sei es die große Zahl an archäologisch Interessierten, die mit Metallsonden nach Funden im Boden suchen. Diese Liste ließe sich durch zahlreiche weitere Beispiele, wie die Reenacment-Bewegung, vermehrte private Denkmaleigentümer oder Neoheiden erweitern.
Rückseite-City-Höfe-Klosterwall
Die CityHof Hochhäuser in Hamburg wurden 2017 vom Senat zum Abbruch freigegeben. Dagegen regt sich in der Öffentlichkeit heftiger Widerstand (Quelle: Wikipedia).

Chancen für die Denkmalpflege

Diese Entwicklungen sind als ein Ergebnis der Umsetzung, oder zumindest der verstärkten Berücksichtigung, der verschiedenen EU-Konventionen zum Kulturellen Erbe zurück zu führen (die Konventionen von Malta , die Landscape-Convetion oder Konvention von Faro. Sie scheinen aber auch Teil eines sich neu ausbildenden Zeitgeistes zu sein.
Die gesetzliche Stärkung der Behörden und das zunehmende öffentliche Interesse führen jedoch gleichzeitig dazu, dass die Denkmalpflege von einer Randposition in die Mitte der Gesellschaft rückt. Damit stehen aber die Entscheidungen der Denkmalpflege sehr viel mehr im Fokus der Öffentlichkeit als das noch vor zwanzig Jahren der Fall war, womit die Behörden neben der zusätzlichen Arbeitsbelastung auch einem stärkeren Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sind.

An diesem Punkt wird es für die Denkmalpflege wichtig werden den Weg einzuschlagen, den andere Behörden schon vor langer Zeit gegangen sind. Die gewachsene Aufgabenlast fordert geradezu die Auslagerung bestimmter Aufgaben an privatwirtschaftliche Unternehmen.
In fast allen Behörden wurde dieser Schritt schon lange vollzogen. In Institutionen wie Bauamt, Landeämter für Geologie, Geodäsie, Umwelt und sogar die Kampfmittelräumung wurden zahlreiche Aufgaben selbstverständlich an hochspezialisierten Dienstleistungsunternehmen ausgelagert. Sie sind sowohl für den Auftraggeber als auch für die Behörde der Garant, dass die jeweiligen Interessen angemessen vertreten werden.
In der Denkmalpflege hat sich diese Vorgehensweise noch nicht gänzlich durchgesetzt. In einigen Bundesländern werden, zumindest in der Bodendenkmalpflege, Ausgrabungen durch archäologische Fachfirmen vorgenommen.
Vor dem Hintergrund des sich ausweitenden Aufgabenspektrums in der Denkmalpflege eröffnet sich die Möglichkeit auch weitere Aufgaben wie Planungsaufgaben oder Denkmalbewertungen auszulagern und an Fachfirmen abzutreten. Damit bietet sich die Chance für die Entwicklung eines echten Marktes, auf dem sich Denkmalpfleger, Interessengruppen und Öffentlichkeit auf Augenhöhe begegnen können.


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